Ausstieg statt Abstieg in Duisburg

Der MSV Duisburg hat die vergangene Saison ohne Sieg auf dem letzten Tabellenplatz beendet. Der Verein meldet jetzt, dass er sich die Zweitligalizenz für die Frauen nun nicht leisten kann. Wie geht es nun weiter?

Foto: Daniel Marr, Zink / IMAGO

Duisburg und Frauenfußball, das gehört einfach zusammen. Frauenfußball wird dort heute im Traditionsverein des MSV Duisburg gespielt, in den der insolvente FCR 2001 Duisburg im Jahr 2014 eingegliedert wurde. Dessen Geschichte ist von Erfolgen geprägt: DFB-Pokal-Siegerinnen 1998, Deutsche Meisterinnen im Jahr 2000, schließlich UEFA Women’s Cup (heute: UEFA Women’s Champions League) Siegerinnen in 2009. Im selben und darauffolgenden Jahr wurden die „Löwinnen“ nochmals Pokalsiegerinnen. Eine professionelle Vertretung der Ruhrpottstadt scheint es in den deutschen Fußballligen ab sofort allerdings nicht mehr zu geben. Nachdem die “Zebras” des heutigen MSV Duisburg die vergangene Saison sieglos mit nur 4 Punkten auf dem letzten Tabellenplatz der 1. Frauen-Bundesliga beendeten, war der Abstieg in die 2. Frauen-Bundesliga besiegelt. Am letzten Spieltag wurde dann der gesamte Duisburger Kader verabschiedet, was bereits Sorgen ausgelöst hat. Jetzt ist sicher: Finanziell ist auch eine Meldung in der zweithöchsten Spielklasse nicht möglich. Das meldet der MSV Duisburg gestern. Ein dunkles Kapitel für den deutschen Frauenfußball.

Warum kann der Meidericher Spielverein die Lizenz nun nicht mehr stemmen? Hauptgrund ist der Absprung des langjährigen Hauptsponsors und Investors Capelli. Der Ausstieg des US-amerikanischen Sportartikelherstellers war absehbar. Nach der Hinrunde werden interne Differenzen in der Vereinsführung öffentlich. Trainer Thomas Gerstner berichtet auf einer Pressekonferenz nach dem Spiel gegen den 1. FC Köln im Februar von dem “Riesenproblem”, dass eine Person aus dem internen Umfeld nicht mehr an den Klassenerhalt glaube. Später wird bekannt, es handelt sich um den Leiter der Lizenzabteilung Frauen des MSV Duisburg, Daniel Mlodoch – der auch Sport Marketing Manager bei Investor Capelli ist. Es folgt ein Klärungsgespräch mit MSV-Geschäftsführer Michael Preetz, ohne Erfolg. Mlodoch gibt kurz später auf LinkedIn seinen Rücktritt bekannt. Dann springt auch Capelli ab und hinterlässt mit dem Rückzug ein großes finanzielles Loch. Zuletzt war das US-Unternehmen im Besitz von 40,1% der Vereinsanteile. Uneinigkeiten und Machtkämpfe im Verein bestehen aber nicht erst seit Februar. Hintergründe und weitere Details dessen könnt ihr im Bolztribüne-Artikel von Annika Becker nachlesen.

Der Verein gibt in der Mitteilung auch an, dass der Abstieg der Duisburger Männer aus der 3. Liga in die Regionalliga ein Grund für den Rückzug des Frauenteams aus der Bundesliga sei. Die finanzielle Lage des Vereins ist wie bei so vielen Drittligisten schon länger kritisch – trotz bester Zuschauer*innenzahlen neben den Rivalen von Rot-Weiss Essen. MSV-Präsident Ingo Wald erinnert so auf der Mitgliederversammlung im April diesen Jahres: “Ohne die Corona-Hilfen wären wir vor zwei Jahren schon wirtschaftlich tot gewesen.” In den Jahren zuvor kratzt der MSV Duisburg gleichermaßen immer wieder an der Insolvenz, auch vor und im Jahr der Übernahme des FCR 2001 Duisburg. Die Verantwortlichen reagieren öffentlich meist mit nihilistisch wirkendem Zynismus – wie sollen Investoren an den Verein glauben, wenn selbst die Vereinsführung lieber Witze über den eigenen Untergang reißt? Immer wieder wird deutlich, im Verein scheint die Kombination aus finanzieller Fehlsteuerung und absurder Kosten in der 3. Liga zum Todesstoß geworden zu sein. Wie immer leidet nun hauptsächlich der Frauenfußball unter den Strukturen und Machtkämpfen im Männerfußball, sowie der absurden Summen, die dieser benötigt, während der Verein bereits einen Tag später wieder munter Werbung für Dauerkarten der Männer in der kommenden Saison macht.

Damit geht eine Ära zu Ende. In Duisburg sind viele legendäre Karrieren gestartet. Eine der ersten ist die ehemalige Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Damals noch ohne Doppelnamen, startete sie ihre Karriere in den 80er Jahren beim KBC Duisburg, kam nach einem Zwischenstopp in Siegen dann 1994 zum FCR Duisburg. Dort blieb sie neun Jahre und startete 2008 hier auch ihre Karriere als Trainerin. 1995 kam dann Teamkollegin und Rekordspielerin Inka Grings zum FCR, über deren Erfolge man ebenfalls einen eigenen Artikel schreiben könnte. Sie spielte ganze 16 Jahre für den FCR, erzielte dort in 271 Ligaspielen 353 Tore. 2011 verlässt sie den Verein, daraufhin wird ihre Rückennummer 9 beim FCR gesperrt, um ihre herausragenden Leistungen zu ehren. 2014 dann das Ende als aktive Spielerin, aber der Beginn ihrer Trainerinnenkarriere beim neu fusionierten MSV Duisburg. Auch Linda Bresonik ist eine Duisburger Ikone, die zwischen 2000 und 2017 mit Unterbrechungen sowohl für den FCR als auch den MSV auflief. Die ehemalige Kaderliste liest sich wie eine Hall of Fame des Frauenfußballs: Sandra Smisek, Maren Meinert, Annike Krahn, Fatmire „Lira“ Alushi (damals Bajramaj), Simone Laudehr, Mandy Islacker, Nicole Bender-Rummler, Vanessa Martini, Stephanie Weichelt, Turid Knaak und Ka Lehmann sind nur einige davon.

Auch Alexandra Popp spielt zu Beginn ihrer Profi-Karriere in Duisburg (2008-2012), gewinnt mit dem Verein zweimal den DFB-Pokal und einmal den UEFA Women’s Cup, also die heutige Champions League – gemeinsam mit Luisa Wensing (Karriereende nach 23/24), mit der sie 2012 zum VfL Wolfsburg wechselt. 2007 beginnt auch Marina Hegering ihre Profikarriere in Duisburg, bleibt dort ebenfalls vier Jahre. In dieser Erfolgszeit kann der Verein auch internationale Spielerinnen verpflichten, wie beispielsweise die niederländischen Nationalspielerinnen Jackie Groenen (PSG) und Lieke Martens (PSG) oder Carole da Silva Costa (Portugal & Benfica Lissabon). Auch weitere Bundesliga-Spielerinnen standen für Duisburg auf dem Platz, wie beispielsweise Rieke Dieckmann (Werder Bremen), Virginia Kirchberger (Eintracht Frankfurt, bald Austria Wien) und Barbara Dunst (Eintracht Frankfurt).

Der Kader zuletzt war eine bunte Mischung aus gestandenen, erfahrenen Spielerinnen und jungen Talenten, die dem Verein teils jahrelang treu geblieben sind. Einige möchte ich hier noch besonders hervorheben. Ena Mahmutovic ist jetzt 20 Jahre alt, hatte ihr Debüt in der 1. Frauenmannschaft mit gerade mal 16 Jahren. Beim Verein ist sie allerdings schon viel länger. Die gebürtige Duisburgerin startete als Kind bei Eintracht Duisburg, wechselte dann 2014 zum MSV Duisburg. Sie konnte sich hier in 11 Jahren ein Standing aufbauen, das sie schon in den Kader der A-Nationalmannschaft beförderte. Heute wurde ihr Wechsel zu den amtierenden Deutschen Meisterinnen des FC Bayern München bekannt. Eine vielversprechende Zukunft. Ein Name, der quasi schon in der DNA des MSV Duisburg steckt, ist Yvonne Zielinksi. Mit 15 Jahren startete sie ihre Karriere in der zweiten Mannschaft des FCR Duisburg, stand auch hin und wieder für die 1. Mannschaft auf dem Platz. Nach einem siebenjährigen Ausflug zum 1. FC Köln ist sie seit 2016 wieder beim MSV Duisburg. Sie ist der Fels in der Brandung, die Kapitänin, die die Entwicklung des Vereins über Jahre miterlebt hat. Nach über 200 Ligaspielen in Duisburg ist bisher noch nicht bekannt, wo sie in der kommenden Saison auflaufen wird. Hier könnt ihr ihre Erfahrungen im Interview mit Nina Potzel bei Die 45 hören.

Nach dem letzten Spiel der Saison wurden zwar alle Spielerinnen vorsichtshalber verabschiedet, aber der MSV Duisburg möchte laut eigener Pressemeldung in der Abteilung Frauen- und Mädchenfußball weiterhin “leistungsbezogenen Breitensport anbieten.”Unter neuer Leitung von Tarek Ruhman ist der Verein aktuell darum bemüht, das Frauenteam in der kommenden Saison in der Regionalliga West anmelden zu können. Anders als bei Kapitänin Yvonne Zielinski gibt es bereits einige Spielerinnen, deren Zukunft klar ist. Torhüterin Ena Mahmutovic wird in Zukunft wie erwähnt den FC Bayern München unterstützen. Die Verteidigerinnen Vanessa Fürst und Paula Flach werden in der kommenden Saison beide für die SGS Essen auflaufen. Antonia-Johanna Halverkamps wird, wie im März vom Verein bekanntgegeben, bald im Offensiven Mittelfeld des 1. FC Union Berlin mitmischen – wenn dort die Aufstiegsspiele gegen den SV Henstedt-Ulzburg gelingen, in der 2. Frauen-Bundesliga. Dort würde sie in der kommenden Saison auf die bisherige Teamkollegin Meret Günster treffen, die zum 1. FC Nürnberg wechseln wird.

Die Frage, die jetzt noch offenbleibt: Was passiert mit dem Platz in der 2. Frauen-Bundesliga, der durch den Rückzug der Duisburgerinnen frei bleibt? Laut DFB-Meldung reduziert sich gemäß der DFB-Spielordnung (§48a Nr.2.) dadurch die Anzahl der Absteigerinnen. Statt drei Absteigerinnen, werden so nun nur die TSG Hoffenheim II und der VfL Wolfsburg II in die Regionalligen absteigen. Der SV 67 Weinberg darf in der 2. Frauen-Bundesliga bleiben. Weinberg vermeldet auf Instagram das, was hier die Abschlussworte bilden: Es ist schade, “dass der professionelle Frauenfußball mit Duisburg einen traditionsreichen Verein verliert”.


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Antwort

  1. Avatar von Die Saison ist vorbei. Der Impact bleibt. – dieligalebt

    […] Abschied ist schwer. Mancher schwerwiegender. So beispielsweise der des MSV Duisburg. Wie bereits berichtet wird der Meidericher Spielverein nicht nur sieglos absteigen, sondern kann sich auch die […]

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