(K)ein Tor wie jedes andere?

Die Bäckermädchen aus Andernach finden sich Ende März am Tabellenende der zweiten Bundesliga wieder. Doch ein Tor läutet die Andernacher Aufholjagd ein. Kann die Geschichte noch richtig gut werden?

(K)ein Tor wie jedes andere?

Foto: Norina Toenges / @norinas_fotowelt

Im Kräftemessen zwischen der SG 99 Andernach und dem FSV Gütersloh befinden sich die Andernacher Bäckermädchen im Vorwärtsgang. Über mehrere Stationen landet der Ball bei Andernachs Außenverteidigerin Alina Wagner, die bereits tief in den gegnerischen Strafraum vorgeprescht ist. Die KI-Kamera im SportTotal-Livestream, die den Ball automatisch verfolgen soll, kommt ihm jedoch nicht hinterher. Und so spielt sich außerhalb des Frames ab, wie Wagner die Kugel über die Linie des Gütersloher Tors und damit hinein ins Glück befördert. Der Ball zappelt bereits im Netz, als die Kamera ihn wieder ins Blickfeld nimmt. Und die Torschützin ist dann schon lange in der Jubeltraube der Bäckermädchen verschwunden.

An der Beschreibung dieses Tores ist etwas besonders. Denn sie trifft wortgenau – also Paarung, Torschützin und die zu behäbige KI-Kamera betreffend – auf zwei(!) Tore zu. Alina Wagner trifft für die Bäckermädchen im Zweitligaspiel Ende März gegen den FSV Gütersloh. Innerhalb eines Kalenderjahres zweimal. Einmal bedeutet ihr Tor die Tabellenführung, ein Jahr später den Beginn einer Aufholjagd – ganz tief aus dem Tabellenkeller heraus. Beide Male ist der Treffer nicht im Bild des Livestreams, geschweige denn in den Highlights zu sehen. Über zwei Tore mit immenser Bedeutung, doch unter umgekehrten Vorzeichen.

Rückblick 2024: Aus Wagners Treffer am Ostersonntag ergibt sich, dass Andernach sich an der Turbine Potsdam vorbei an die Tabellenspitze schiebt. Meppen hatte in Jena ein paar Stunden zuvor zwei Punkte liegen lassen, die in Punkten und Torverhältnis gleichauf liegende Turbine führt im Parallelspiel bereits mit 2:0 in Frankfurt. Durch das dritte Potsdamer Tor ein paar Minuten später fehlt den Bäckermädchen zwar wieder ein Tor für den Sprung ganz nach oben. Doch Carolin Schraa, die auch schon in Minute drei zur Führung eingenetzt hat, überwindet eine gute Viertelstunde nach Wagners Treffer erneut die Gütersloher Hüterin und trifft zum 4:1 – das bedeutet Tabellenführung!
Andernach grüßt am Ende des 19. Spieltags 23/24 vom Platz an der Sonne – dem ersten Aufstiegsplatz.

Ein Jahr später ist eben jener Platz an der Sonne so weit entfernt, wie er nur sein könnte. Als Andernach und Gütersloh diesmal aufeinandertreffen, ist die Situation komplett auf den Kopf gestellt. Vor dem Spieltag steht Andernach auf dem letzten Platz der zweiten Bundesliga. Zweimal ein Wechsel im Trainerteam, Verletzungspech und fehlendes Spielglück haben im Konglomerat zu einer Horrorsaison im sonst von gutem Fußball verwöhnten Andernach gesorgt. Wenige Wochen zuvor mussten die Bäckermädchen sich gegen direkte Konkurrentinnen im Tabellenkeller, den FC Ingolstadt, mit 1:2 geschlagen geben. Als die Woche darauf auch bei Aufstiegsaspirant Meppen die verloren gegangenen Punkte nicht zurück an den Rhein geholt werden können, konstatiert ein Fan in den Instagram-Kommentaren: „Ich denke es wird nicht mehr reichen mit dem Klassenerhalt.“

Nach dem 19. Spieltag ist Andernach im Jahr 2025 also Letzter. Der erste Nichtabstiegsplatz ist mittlerweile schon sechs Punkte entfernt. Und vor der Brust liegt nun das Spiel gegen Gütersloh. Beide Teams tummeln sich diese Saison ganz unten, Andernach mit 12 Punkten und Gütersloh mit einem Punkt mehr knapp davor. Vor dem Anpfiff gibt der vom SWR „Opa“-Fan getaufte Johann Stein im Annenache Platt, dem lokalen Dialekt, ein Fernsehinterview. „Wichtig isset jetz die nächsten zwei Spiele – dasse die beiden Spiele jewinnen, sonst sieht et duster aus“. Do or Die also.
Gerade einmal eine viertel Stunde ist gespielt, als es für einen Moment so richtig duster aussieht. Ein zu kurzer Rückpass zwingt Andernachs Torhüterin Laura van der Laan aus dem Strafraum herauszueilen. Güterslohs Stürmerin Celina Baum findet sich plötzlich in van der Laans Rücken mit dem Ball wieder, 25 Meter Feld und ein leeres Tor vor ihr. Doch leicht überhastet setzt sie zum Schuss an und der Ball titscht gegen den Pfosten. Aufatmen in Andernach. Das Spiel ist umkämpft und es sieht lange aus, als trete ein Szenario ein, das keinem der beiden Team weiterhelfen würde – eine Punkteteilung. Andernach tritt also auf der Stelle. Aber nur so lange, bis die Kamera im Livestream den Ball nicht mehr im Frame halten kann. 

Es läuft die 83. Spielminute, nach Balleroberung in der eigenen Hälfte landet der Ball auf der rechten Seite bei Besa Hisenaj, die mit einem genauen Steckpass Leonie Wäschenbach steil schickt. Wäschenbach legt sich den Ball vor und wirft ihre gesamte Kraft in die Flanke. Während der Ball durch den Strafraum und aus dem Kameraframe segelt, kann man im Bildausschnitt ohne Ball sehen, wie Wäschenbach humpelnd abdreht. Sekunden darauf reißt sie die Arme nach oben. Ihre Flanke hat den Kopf der herangeeilten Alina Wagner gefunden. Während die gesamte Bank euphorisch aufs Feld stürmt, sprintet Wäschenbach jubelnd in Richtung Tor, wo Wagners Kopfball Andernach hinein ins Glück befördert hat. Der Ball zappelt bereits im Netz, als die Kamera ihn wieder ins Blickfeld nimmt. Und die Torschützin ist dann schon lange in der Jubeltraube der Bäckermädchen verschwunden.

Andernach bringt die knappe Führung über die Zeit. Das Spielglück ist diesmal auf der Seite der Bäckermädchen. Und Trainerin Isabelle Hawel lässt sich zu folgendem Satz hinreißen: „Jetzt beginnt unsere Aufholjagd. Die Geschichte kann noch richtig gut werden.“ 

Und sie kann es wirklich werden. Denn im Spiel darauf bei der ebenfalls am Tabellenende stehenden Zweitvertretung des SC Freiburg wird der nächste so wichtige Pflichtsieg eingefahren. Wieder durch ein Tor ins Glück, diesmal versenkt von Carolin Schraa. Die Woche darauf, am Ostersonntag 2025, zeigt Andernach die vielleicht beste Saisonleistung gegen den bis ins DFB-Pokalhalbfinale vorgestoßenen Hamburger SV. Fast 70 Minuten liegen sie in Führung, diesmal durch ein Kopfballtor von der erst 18-jährigen Malou Müller. Über Zeit bringen sie es leider nicht, der HSV dreht das Spiel letztlich. Ende April reisen die Bäckermädchen nun nach München. Im Sportpark Aschheim wartet an Spieltag 23 die zweite Mannschaft des FC Bayern. Und wieder ist es ein 6-Punkte-Spiel. Nur noch ein Punkt bis zum rettenden Ufer. Und im April haben die Bäckermädchen die düstere Aussicht schon sehr aufgeklart.

// Das Spiel FC Bayern München II – SG 99 Andernach fand am 27.04. um 11 Uhr im Sportpark Aschheim bei München statt. Andernach hat das Spiel furios mit 2:3 gewonnen und erstmals seit dem 11. Spieltag die Abstiegsränge verlassen. Die Highlights dazu findet ihr auf YouTube. Online könnt ihr die Andernacher Spiele im Saisonendspurt im Live-Stream auf sporttotal.tv verfolgen. (Achtung: Man muss sich einen Account erstellen, das dauert aber nur 30 Sekunden und alle Streams sind kostenfrei!)


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